veröffentlicht am 02.06.2022

Greenwashing

5 Tricks der Luftfahrtindustrie, um nachhaltig zu erscheinen

Fluggesellschaften rund um den Globus wetteifern miteinander, wer die grünsten und nachhaltigsten Ankündigungen gemacht hat. British Airways machte Schlagzeilen mit ihrem Plan, im kommerziellen Maßstab nachhaltigen Flugtreibstoff zu verwenden. Air France behauptete, bis 2030 eine Senkung der Emissionen um 12 % anzustreben. Und Ryanair bezeichnete sich selbst als "Europas Fluggesellschaft mit den geringsten Emissionen".

Greenpeace AktivistInnen protestieren gegen das Greewashing von Air France © Denis Meyer / Greenpeace

Und doch hinterlässt diese glänzende Rhetorik angesichts der Klimakrise einen bitteren Beigeschmack. Könnte es sein, dass eine Branche, deren weltweite Treibhausgasemissionen in den letzten zehn Jahren um 3,4 % pro Jahr gestiegen sind, uns mit ihren Bemühungen, ein verantwortungsvoller Leuchtturm des Klimaschutzes zu werden, täuscht?

KlimaforscherInnen warnen davor, dass die Grenze von 1,5 °C bereits in den nächsten Jahren überschritten wird. Deshalb sollten wir uns die grünen Versprechen und Klimaschutzmaßnahmen der Fluggesellschaften genauer ansehen und das dabei vorkommende Greenwashing aufdecken!

Ein neuer Bericht von Greenpeace CEE stellt fest, dass die Klimabehauptungen einiger der größten europäischen Fluggesellschaften, sie würden ihre Treibhausgasemissionen in Zukunft reduzieren, wenig bis gar nicht stichhaltig sind. Und warum? Erstens, weil diese Unternehmen hauptsächlich auf falsche Lösungen und Tricks setzen, die den Mythos schaffen, dass die Luftfahrt grün ist, obwohl das Fliegen nach wie vor das klimaschädlichste Transportmittel pro gereisten Personenkilometer ist. Dies sind die fünf am häufigsten verwendeten Tricks und falschen Lösungen der Branche.

1. Die Illusion, dass Fliegen durch die Kompensation von Emissionen "klimaneutral" ist

Weltweit haben sich die Fluggesellschaften verpflichtet, bis 2050 CO2-neutral (oder "netto null") zu werden. Klingt gar nicht so schlecht? Falsch gedacht! Der Begriff "klimaneutral" bedeutet nicht, dass die Treibhausgasemissionen an der Quelle reduziert werden. Stattdessen beruht er auf der Illusion, dass jemand Treibhausgase freisetzen und diese Emissionen in der Zukunft an anderer Stelle wieder auffangen kann.

Doch weder das Pflanzen von Bäumen noch die Vermeidung von Abholzung machen einen Flug "klimaneutral". Untersuchungen haben gezeigt, dassnur 2 % der Kompensationsprojekte mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer zusätzlichen Emissionsminderung führen. Nichtsdestotrotz verbreiten die Fluggesellschaften weiterhin die falschen Eindruck, dass wir klimaneutral oder netto null fliegen können.

KlimawissenschafterInnen haben davor gewarnt, dass das Konzept von "Netto-Null" und "Kohlenstoffneutralität" eine "gefährliche Falle" ist, die "die Zerstörung der natürlichen Welt durch zunehmende Abholzung heute beschleunigt und das Risiko weiterer Zerstörungen in der Zukunft stark erhöht".

2. Überbetonung von "nachhaltigem" Flugbenzin als Lösung

Die Luftfahrtindustrie bringt gerne das Zauberwort "Nachhaltiger Flugkraftstoff (SAF)" ins Spiel, das sich auf eine Reihe relativ neuer Arten von Düsenkraftstoff auf der Grundlage von z. B. Biomasse oder Abfällen bezieht, die Kerosin aus fossilen Brennstoffen ersetzen sollen. Das Problem mit dem so genannten nachhaltigen Flugkraftstoff ist jedoch, dass er nicht in ausreichendem Maße verfügbar und/oder meist nicht wirklich nachhaltig ist. Während die Fluggesellschaften SAF als einen wichtigen Hebel zur Dekarbonisierung des Luftverkehrs darstellen, macht es nur 0,05 % des jährlich in der EU benötigten Flugzeugtreibstoffs aus. Im Jahr 2019 entfielen auf SAF höchstens 0,1 % des gesamten jährlichen Kerosinverbrauchs der Fluggesellschaften, die in einem neuen Greenpeace CEE-Bericht analysiert wurden. Schätzungen zufolge werden SAF auch im Jahr 2040 erst 19 % des Flugkraftstoffs ausmachen - was bedeutet, dass 81 % weiterhin auf Kerosin aus Erdöl basieren werden.

Ganz zu schweigen davon, dass Agrotreibstoffe, die aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen wie Palmöl hergestellt werden, häufig mit der Abholzung von Wäldern und dem Verlust der Artenvielfalt verbunden sind.

Was ist mit erneuerbarem, synthetischem E-Kerosin, das aus Ökostrom und einer Kohlenstoffquelle hergestellt wird? Das ist einer der wenigen alternativen Kraftstoffe, die relativ umweltfreundlich hergestellt werden können, wenn der Strom zu 100 % aus erneuerbaren Quellen stammt. Aber das ist noch lange nicht ausgereift und wird erhebliche Investitionen, Forschung und Entwicklung erfordern. Es ist auch davon auszugehen, dass die Menge niemals ausreichen wird, um den heutigen Kerosinbedarf abzudecken.

Verlassene Flugzeuge am Flughafen Don Muang, nach der Flughafen wegen Überflutung geschlossen wurde. © Athit Perawongmetha / Greenpeace

3. Übertriebener Optimismus, dass zukünftige Technologien die Emissionen senken werden

Die Luftfahrtindustrie und die Politik setzen auf übertriebenen Optimismus für falsche technologische Lösungen – und das zu einem hohen Preis: ForscherInnen haben davor gewarnt, dass "Technologiemythen" die notwendigen Fortschritte in der Klimapolitik für die Luftfahrt abwürgen. Treibstoffeffizientere Flugzeuge sind keine falsche Lösung, aber sie werden nicht ausreichen, um die Dekarbonisierung rechtzeitig zu erreichen. In einem optimistischen Szenario rechnet Greenpeace mit einer Effizienzsteigerung (Energieverbrauch pro Passagierkilometer) von nur 30 % bis 2050 - nicht genug, um die Erderwärmung auf unter 1,5 °C zu begrenzen.

4. Greenwashing, um umweltbewusst zu erscheinen

Während sich die Welt zunehmend für die Bewältigung des Klimaproblems einsetzt, möchte die Luftfahrtindustrie uns glauben machen, dass sie Teil der Lösung und nicht des Problems ist. Greenwashing ist in der Branche allgegenwärtig: von irreführender Kommunikation und dem Sponsoring klimafreundlicher Initiativen bis hin zur Förderung von Lösungen zur Behebung der ökologischen und sozialen Defizite der Branche, die entweder falsch oder unzureichend sind oder beides. Es besteht große Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Plänen der Fluggesellschaften zur Emissionsreduzierung und der Werbung für "grünes" Marketing durch die Fluggesellschaften.

5. Förderung des Vielfliegens als notwendige und billige Art der Fortbewegung

In der Werbung der Fluggesellschaften wird so getan, als gäbe es keinen Klimanotstand und keinen Grund, die Zahl der Flüge zu reduzieren. Wie ein neuer Bericht von Greenpeace Niederlande zeigt, konzentriert sich die Werbung der Fluggesellschaften in erster Linie auf Billigflüge, Angebote und Werbeaktionen, während gleichzeitig der Zugang zur Natur durch das Fliegen beschworen wird. Die wahren Kosten des Fliegens – die Millionen Tonnen an Treibhausgasemissionen, die es verursacht – sind in einem Billigflugpreis nicht enthalten. Und seien wir ehrlich: Ein einzelnes Flugticket mag zwar billig sein, aber nur, weil die Fluggesellschaften durch erhebliche Steuersenkungen und öffentliche Subventionen vom Geld der Steuerzahler profitieren.

Transavia Flugzeug beim Abheben von Rotterdam The Hague. © Marten van Dijl / Greenpeace

Was bedeutet das für uns?

Unglücklicherweise für den Planeten und uns Menschen kommen die Fluggesellschaften derzeit mit ihren Tricks und falschen Lösungen davon. Wenn die Politik nicht gegen ihre Wachstumsaussichten vorgeht, könnte die Luftfahrtindustrie bald zu einem der größten CO2-Sünder der Welt werden.

Gleichzeitig wird kein anderes Verkehrsmittel in Europa so stark mit öffentlichen Geldern subventioniert: durch Mehrwertsteuer- und Steuerbefreiungen, staatliche Beihilfen, Rettungspakete und Darlehen oder durch die Förderung von Forschung und Entwicklung. Dies hat die Märkte jahrzehntelang zugunsten des Luftverkehrs und nicht zugunsten der grünen Mobilität verzerrt. So sind die Fluggesellschaften beispielsweise von der Kerosinsteuer und der Mehrwertsteuer auf internationale Tickets befreit, während die Eisenbahnunternehmen hohe Energiesteuern und Schienenmaut zahlen. Darüber hinaus erhalten die europäischen Fluggesellschaften einen Großteil ihrer Emissionszertifikate – Genehmigungen zur Verschmutzung im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems – immer noch kostenlos. Es gibt einen gravierenden Mangel an strengen Gesetzen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen der Fluggesellschaften – und das ist ein großes Problem!

Was muss geschehen, um den Luftverkehr mit den Pariser Klimazielen in Einklang zu bringen?

  • Es führt kein Weg daran vorbei, die Zahl der Flüge zu reduzieren, um bis 2040 tatsächlich null Emissionen zu erreichen. Greenpeace hat errechnet, dass die europäischen Fluggesellschaften ihre Flüge jährlich um 2 % reduzieren müssen, um die Erderwärmung unter 1,5 °C zu halten.
  • Die Fluggesellschaften müssen sich von der Illusion der "CO2-Neutralität" verabschieden, mit dem Mythos des "grünen Fliegens" aufräumen und aufhören, falsche Lösungen zu propagieren, die jeden in dem falschen Gefühl der Sicherheit wiegen, dass die Fluggesellschaften ihre Klimaschäden bereits unter Kontrolle haben. Gemeinsam können wir von der EU und den europäischen Regierungen verlangen, dass sie dem Greenwashing im Luftfahrtsektor einen Riegel vorschieben: Unterzeichnen Sie die Europäische Bürgerinitiative (EBI), die von Greenpeace zusammen mit dem New Weather Institute und 30 weiteren Partnern ins Leben gerufen wurde, um Werbung für Öl, Gas und Kohle und deren Verwender zu verbieten.
  • Wir müssen aufhören, dem Sektor kostenlose Genehmigungen zur Umweltverschmutzung und Steuergelder zu geben und ihn stattdessen für seine Verschmutzung zahlen lassen. Es ist an der Zeit, dass die EU alle fossilen Subventionen im Luftfahrtsektor (einschließlich der Flughäfen) auslaufen lässt und dafür sorgt, dass die geplante Kerosinsteuer erhöht und rasch auf allen Flügen eingeführt wird.
  • Schiene und öffentliche Verkehrsmittel stärken! Wir müssen mit dem Aufbau eines Mobilitätssystems beginnen, das gut für den Planeten und die Menschen ist, indem wir den mit fossilen Brennstoffen betriebenen Verkehr auslaufen lassen. Dabei müssen wir für die Arbeitnehmer*innen im Luftfahrtsektor einen fairen Übergang in andere Branchen und ein Ende der zunehmenden Instabilität der Arbeitsbedingungen sicherstellen - und niemanden zurücklassen.

Jetzt Teilen!